Der Winterschmied (Terry Pratchett)

(c) Design Team München; 2006 Bill Mayer, mit freundlicher Genehmigung des Verlages HarperCollins

Autor: Terry Pratchett
Titel: Der Winterschmied: Ein Märchen von der Scheibenwelt
Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 13. Oktober 2008
Seitenzahl: 384
Originaltitel: Wintersmith. A Tiffany Aching Adventure
ISBN-10: 3442468396
ISBN-13: 978-3442468393

Rezension:

“Der Winterschmied” von Terry Pratchett ist das nunmehr dritte Märchen aus der Scheibenwelt, in welchem die große kleine Hexe, Tiffany Weh, ihr ganz persönliches Abenteuer dadurch erlebt, dass sie allen Vorschriften und Ratschlägen zum Trotz auf ihr Gefühl beziehungsweise vielmehr ihre Füße hört und den Tanz mit dem Herrn über Eis und Schnee, dem Winterschmied, wagt. Das dieses Ereignis nicht ohne Folgen bleibt, ist selbsterklärend, denn schließlich geht es in diesem auch ebenso eigenständig zu lesendem Roman, um eine der ältesten Geschichten der Menschheit, gekleidet in einem neuen und doch zugleich klassischen Gewand. Ebenso wie das Geschichten erzählen an sich ein wichtiger Faktor des Ganzen ist.

So wartet die Handlung gleich zu Beginn mit einem Teil der Schlussszene auf, über welche man schließlich zu einer Rückblende gelangt, die die eigentlichen Hintergründe zu dem Ereignis langsam offen legt.
Tiffany muss nämlich neben einigen Tücken, sowie Herausforderungen des Hexensdaseins, gekennzeichnet durch ihre Treffen mit Anagramma oder auch den ‘Prüfungen’ von Oma Wetterwachs und den Avancen des Winterschmieds, der nicht nur mehr Schneeflocken nach ihrem Ebenbild und Eisrosen für sie entwirft, sondern plötzlich ungesehene Seiten von sich zeigt, auch mit ihrem einen Gefühlen, beispielsweise zu dem edlen Roland, kämpfen.

Aus diesen Zutaten ergibt sich ein wunderbar phantasievolles Zusammenspiel von unerfüllter Liebe, den Banden der Freundschaft, dem Erwachsen werden und dem damit wiederum verbundenen Problemen, welche es zu lösen gilt, sowie sich selbst und die ‘eigene’ Menschlichkeit oder vielmehr das ‘Ich’ zu finden, aber auch um den Lauf der (Ge,-)Zeiten des Jahres und vor allem um das Gleichgewicht der (menschlichen) Natur. Oder wie Roland auf einer Seite, auf der man im Übrigen eine absolut empfehlenswerte Fußnote findet, einfach zu sagen pflegte, » wie Orpheo, Euniphon aus der Unterwelt rettete. «

Denn letzten Endes läuft es darauf hinaus, dass (nicht nur) Tiffany erkennt sich ihren Taten stellen zu müssen – womit man wieder am Anfang der Erzählung angelangt und sich von dort aus neuen, aber zugleich ähnlichen Fragen gegenüber stehen sieht.
Entfernt mögen einem nämlich die Handlungen der finalen Kapitel sogar an die älteste, hier natürlich abgewandelte Geschichte der Welt, die der Schöpfung, der Versuchung und ihrer individuellen Lehre daraus, erinnern. Schließlich ist jede Situation immer von zwei Seiten (der Medaille) zu betrachten und es kommt immer nur auf das Gleichgewicht derselben an. Ob man das Leben an sich, den Sommer, Winter, Mensch, Tier oder anderes als Beispiel dafür nimmt.

‘Der Winterschmied’ was das erste Buch von Terry Pratchett, welches ich auf Empfehlung eines Bekannten hin, gelesen habe. Anfangs irritierten mich zugegebenermaßen einige Begriffe, die erst zwanzig Seiten später näher erläutert wurden, sich im Prinzip aber auch von alleine erklären ließen. So beispielsweise die kreative Neufindung des Flitterkrams und dem Gackeln. Nach kurzer Eingewöhnungsphase haben allerdings genau diese kleinen Details mich absolut begeistert. Ebenso positiv war der Humor in dem Buch, bildlich unter anderem verkörpert durch die ‘Wir sind die Größten – Kobolde’ oder auch den Sachen, derer man sich entledigen möchte und die auf dem ein oder anderem Weg wieder zu einem zurück finden; den zweiten und dritten Gedanken oder auch den ‘Prinzipien moderner Buchführung’.

Die phantasie,- als auch liebevoll geschaffenen Charaktere, die Intelligenz, die Tiefgründigkeit und die Erkenntniss, dass eine Portion Verständnis, Zuhören, sowie den Umständen entsprechendes Handeln die größte Hexerei sei, man jedoch keinen Dank dafür erwarten dürfe, die Welt gerettet zu haben und auch der ganz nebenbei wunderbar umschriebene Winter (sowohl dessen schönen, als auch ‘harten’ Eigenschaften), runden letzten Endes diesen guten Eindruck noch einmal ab.

Insgesamt war der Roman so Facettenreich, dass man gar nicht jeden einzelnen dieser Aspekte aufführen kann, weil man bis zur letzten Seite immer wieder etwas Neues, sehr Interessantes, entdecken kann. Eine Geschichte vom Lernen, vom Leben, der Liebe, vielleicht auch eine von vielen, schon oft in anderer Form erzählten Geschichten, aber trotzdem oder gerade deswegen eine einzigartige Lektüre.
Definitiv ein Buch, das Lust auf mehr macht (glücklicherweise gibt es noch einiges an Auswahl des Autoren) und das sich immer empfehlen lässt, nicht nur im Winter!

Quotes:

  • » All dies ist noch nicht geschehen. Vielleicht geschieht es überhaupt nicht. Die Zukunft ist immer ein bisschen ungewiss. Selbst kleine Dinge, zum Beispiel eine Schneeflocke oder der Umstand, dass jemand den falschen Löffel fallen lässt, können ihr eine andere Richtung geben. Oder vielleicht auch nicht. «
  • » Sie (Oma Wetterwachs) vertrat den Standpunkt: Wenn man zu lernen imstande war, fand man irgendwann selber heraus, wie etwas funktionierte. Sie hielt es für falsch, anderen Dinge zu erleichtern. Das Leben war nun mal nicht einfach [...]«
  • „Ah, ah, ah!“, sagte er. „Wie viel wiegst du, Fräulein?“
    „Dreißig Gramm“, antwortete Fräulein Tick. „Was zufälligerweise das maximale Gewicht von Briefen ist, die man für zehn Cent nach ‘Lancre und die nahe Umgebung’ schicken kann.“ Sie deutete auf die beiden Briefmarken an ihrem Revers. „Ich bin bereits frankiert.“
  • » Das war das Besondere an Hexen. Oma Wetterwachs sagte immer, Hexen hätten ‘den gewissen Blick’, ohne zu erklären, was sie damit meinte. Sie erklärte nur selten etwas. Bestimmt meinte sie nicht, dass sie besonders verführerisch dreinschauten. Das war ja nichts Besonderes. Vielleicht meinte sie, dass Hexen über die alltäglichen Dinge hinausblickten und sich fragten: Was bedeutet dies alles? Wie funktioniert es? Was soll ich machen? Wozu bin ich da? Und vielleicht sogar: Trägt man etwas unter dem Kilt? Das mochte der Grund dafür sein, dass das Seltsame bei Hexen normal war… «
  • „Ich bin eine Weh“, sagte Tiffany vorsichtig. „Ohne Ha und Geh.“
  • „Ach, die dummen Dorfbewohner. Alles, was sie nicht verstehen, ist Magie. Sie glauben, dass ich in ihre Herzen sehen kann, aber dazu ist keine Hexe imstande. Zumindest nicht ohne eine Operation. Doch um ihre Gedanken zu lesen, braucht man gar keine Magie.[...]“
  • » Es war Mittag. Tiffany hatte das Wort Mittagslicht erfunden, weil ihr der Klang gefiel. Um Mitternacht kann jede eine Hexe sein, dachte sie. Aber um im Mittagslicht eine Hexe zu sein, muss man richtig gut sein. Zumindest muss man gut darin sein, eine Hexe zu sein, dachte Tiffany, als sie auf die Brücke zurückkehrte. Nicht unbedingt gut darin, ein glücklicher Mensch zu sein. «
  • (Tiffany zu Annagramma) „[...] Außerdem halten sie sich nicht für arm, denn hier sind alle arm! Aber sie sind nicht so arm, dass sie es sich nicht leisten können das Richtige zu tun! Das wäre arm!“
  • » Auch der Winterschmied bewegte sich durch die Welt, aber ohne sich im menschlichen Sinne zu bewegen. Er war überall dort, wo es Winter war. Er versuchte zu denken. Das hatte er nie zuvor getan, und es schmerzte. Bisher waren Menschen nur Teile der Welt gewesen, die sich auf sonderbare Weise bewegten und Feuer anzündeten. Jetzt bastelte er sich einen Verstand, und alles war neu.
    Ein Mensch… der aus menschlichen Dingen besteht… Das hatte sie gesagt. Menschliche Dinge. Für seine Geliebte musste er dafür sorgen, dass er aus menschlichen Dingen bestand. [...] Ein Mensch war also nur… die richtige Art von Staub! «
  • » Der Winterschmied und die Sommerfrau… tanzten. Der Tanz ging nie zu Ende. Der Winter stirbt nie. Nicht so wie Menschen. Er bleibt im späten Frost, im Herbstgeruch an einem Sommerabend hängen, und wenn es heiß wird, flieht er in die Berge. Der Sommer stirbt nie. Er versinkt im Boden. Im tiefsten Winter entstehen Knospen an geschützten Orten, und weiße Sprossen kriechen unter welkes Laub. Ein Teil von ihm flieht in die tiefsten, heißesten Wüsten, wo der Sommer nie endet.
    Für Tiere waren sie nur Wetter, einfach nur ein Teil von allem. Aber Menschen gaben ihnen Namen, so wie sie den Sternenhimmel mit Helden und Ungeheuern füllten, denn das verwandelte sie in Geschichten. Und die Menschen lieben Geschichten, denn wenn man die Dinge in Geschichten verwandelt hat, kann man diese verändern.[...] «
  • » [...]Wenn man die Geschichte veränderte, auch ohne es zu wollen, so wurde man selbst von der Geschichte verändert. «
  • „Aber ich habe niemanden angerufen!“ „Doch“, widersprach Anoia (die ehemalige Göttin der Vulkane), und ihre Zigarette sprühte noch mehr Funken. „Du hast geflucht. Früher oder später ist jeder Fluch ein Gebet.“
  • » Die Leute wollten, dass die Welt eine Geschichte war, denn Geschichten mussten richtig klingen und einen Sinn ergeben. Und die Leute wollten, dass die Welt einen Sinn ergab. «
  • » Es war einsam auf dem Hügel und kalt. Und man durfte sich einfach nicht unterkriegen lassen. Man konnte schreien, weinen und mit den Füßen stampfen, aber damit hielt man sich nur warm; ansonsten nütze es nichts. Man könnte sagen, dass das unfair war, und das stimmte, aber das Universum scherte sich nicht darum, denn es wusste nicht, was ‘fair’“ bedeutet. Das war das große Problem dabei, eine Hexe zu sein. Es kam immer auf einen selbst an. «
  • » […] Und der Held muss seine Aufgabe in Angst und Schrecken bewältigen, wie ein richtiger Held, denn viele der Ungeheuer, die es zu besiegen gilt, sind die in seinem Kopf, die er selbst mitbringt.[...] «
  • „Oh, mit Buffo verändern die Menschen die Welt indem sie sich selbst täuschen“, erklärte Tiffany. „Es ist wundervoll. Buffo zufolge haben die Dinge nur dann eine Macht, wenn die Menschen ihnen Macht verleihen. Man kann Dinge zu Magie machen, aber man kann mit Magie keinen Menschen aus Dingen machen.“
  • » Wohin auch immer mich dies bringt, ich entscheide, dorthin zu gehen, dachte sie und ließ die Wärme in sich hineinfließen. Ich entscheide. Es ist meine Entscheidung. «
  • » [...] Genug Kraft, um ein Haus zu bauen,
    genug Zeit, ein Kind zu halten,
    genug Liebe, um ein Herz zu brechen. «
  • „Hexen lassen sich nicht bezahlen. Grünes Gras und blauer Himmel reichen völlig aus.“

Wertung: 5,5 /7 Schreibfedern
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